Das Erstellen eines Rollenspielkonzeptes und einer Rolle ist ein Entwicklungskonzept von Rolle und Spieler. Im Rollenspiel braucht es – wie auch im wahren Leben – Zeit, bis man die Erfahrung und die nötige Ausrüstung beisammen hat, um das darzustellen, was man sich von Anfang an vorgestellt hat. Dementsprechend sollte man sich für sein Hobby ein angestrebtes Ziel wählen und sich ihm sukzessive nähern. Rollenspielerisch gilt es, sich das Verhalten der angestrebten Rolle und einen Rollenhintergrund anzueignen, Wissen im Spiel zu erwerben und Erfahrungen zu sammeln. Ausrüstungstechnisch gilt es, der Rolle entsprechend ausgewählte Gewandung und Ausrüstung anzuschaffen, in der man sich vor allem wohlfühlt und die Darstellung weiter unterstreicht. Rollenspielerische Erfahrung und sorgfältig zusammengestellte Gewandung bilden eine Einheit, die man schlussendlich die Darstellung einer Rolle, bzw. einen Charakter, nennen kann und die zu einem überzeugenden Spiel für einen selbst und andere führt.

Als wichtiger Grundsatz gilt: Nur wer es schafft, durch Vorbereitung die Leute im Spiel von dem zu überzeugen, was er da tut, kann auch erwarten, dafür Beachtung zu finden!

Generell gilt es zu bedenken, dass sowohl die Anschaffung der Gewandung und Ausrüstung als auch das Besuchen von Conventions Zeit und Geld kosten, aber essenzieller Teil des Hobbys sind. Eine fünftägige Großveranstaltung, mit Unterkunft im eigenen Zelt und selbstständiger Verpflegung, kostete 2016 zwischen 100 Euro und 160 Euro. Zuzüglich Verpflegung, Reisekosten und Ausgaben vor Ort, die stets etwas mehr oder weniger variieren können, je nach Dauer und Entfernung. Man sollte für eine Conventions im Durchschnitt mindestens 200 bis 250 Euro veranschlagen. Den Besuch von zwei bis drei Veranstaltungen pro Jahr sollte man anstreben, um das Hobby zielfördernd zu betreiben. Darüber hinaus muss man sich natürlich mehrere Wochenenden im Jahr frei halten und auch zum Opfern kostbarer Urlaubstage bereit sein. Eine Anfängerausstattung auf gehobenem Niveau kostet zwischen 300 Euro und 600 Euro. Außerdem muss man bedenken, dass Polsterwaffen und Ausrüstung verschleißen und hin und wieder ersetzt werden müssen. Generell gilt, dass man über die Hälfte an Geld für die Anschaffung von Ausrüstung sparen kann, indem man sie selbst macht. Jedoch kostet das wiederum Zeit und Geduld, die man mitbringen muss, um die Sachen fertigzustellen. Wenn also wenig Zeit zur Verfügung steht, gilt es dementsprechend finanziell zu planen, da vor allem die Entwicklung des Konzeptes sowie das Auseinandersetzen mit und Vorbereiten der grundlegenden Darstellung und des Hintergrundes viel Zeit in Anspruch nehmen werden. Spaß am Tüfteln, Nähen und Basteln ist eine der Grundvoraussetzungen für eine individuelle und einzigartige Gewandung. Man sollte also genau überlegen, wie hoch das persönliche Engagement und Jahresbudget ausfällt, um sich Ausrüstung und Veranstaltungsbesuche leisten zu können. Wenn man als regelmäßige Ausgaben 40 Euro im Monat festsetzt, macht es Sinn, im ersten Jahr das Geld für eine Grundausrüstung zusammenzusparen und vieles selbst zu machen, das eigene Konzept zu entwickeln und dann im Folgejahr das Hobby aktiv zu beginnen. Unter einem Monatsbudget von 40 Euro ist es schwierig das Hobby Live-Rollenspiel zielfördernd zu betreiben. Auf Dauer sollte man mit einem Monatsbudget von mindestens 80 Euro kalkulieren, um seine Rolle über die Jahre auch ausrüstungstechnisch weiterzuentwickeln. Dabei hilft es sich zu überlegen, wie viele Veranstaltungen man besuchen möchte und wie sich die Darstellung über die Veranstaltungen und Jahre entwickeln soll. Es sei hier noch geraten, lieber mit einem einfachen und günstigen Charakterkonzept anzufangen und die Rollenentwicklung längerfristig anzusetzen. So kann man Zeit und Geld in den Besuch von Conventions investieren. Denn der Besuch von Veranstaltungen ist das primäre Ziel des Hobbys, Live-Rollenspiel findet nun mal auf Conventions statt! Es gilt also das Prinzip: günstigere Ausrüstung = mehr Veranstaltungsbesuche. Man sollte sich nicht davon abhalten lassen, das Abenteuer Live-Rollenspiel zu erleben, weil die Ausrüstung der Träume noch nicht vollständig ist. Die schönste Ausrüstung wird keine Beachtung finden, wenn man sie nicht auf Conventions präsentiert und seine Entwicklung verkörpert.

Einen Spielercharakter zu erschaffen, ist ein kreativer Prozess. Der wesentliche Schritt ist es sich zu überlegen, was man darstellen möchte. Dabei sollte man schon im Vorfeld überlegen, was für Rollen für einen persönlich überhaupt in Frage kommen. Hier sollte man selbstkritisch sein. In jeder Rolle steckt immer ein Teil von einem selbst. Man sollte sich also überlegen: Steckt der Teil, der für die gespielte Rolle ein essentielles Merkmal ist, in mir und kann ich ihn entwickeln und darstellen? Wer schüchtern und kein guter Redner ist, wird vermutlich keinen Geschichtenerzähler spielen. Wer unsportlich ist und nicht kämpfen möchte, wird vermutlich keinen guten Ritter abgeben. Man sollte sich aber auch nicht davon abhalten lassen solche Herausforderungen anzunehmen. Im nächsten Schritt steht der Gedanke, wie die eigene Gewandung und Ausrüstung aussieht; hierzu folgen weiter hinten in diesem Buch praktische Tipps. Der entscheidende Arbeitsschritt bei der Charakterstellung ist es jedoch, sich eine Geschichte auszudenken, die den Charakter auszeichnet – bspw. positive oder negative Erlebnisse in der Kindheit, erlebte und erträumte Heldentaten oder einfach ein beruflicher Lebenslauf. Der Charakter ist schlussendlich immer das Produkt seiner Geschichte.

Ein Charakter definiert sich aber unter anderem durch das ihm eigene Wissen. Dies wird vor allem durch seine Geschichte bestimmt. Was weiß er bspw. über den Ort, wo er aufgewachsen ist, den Beruf, dem er nachgeht oder Politik und Religion? Bei der Charakterstellung stellt man Fragen nach dem Wissen des Charakters und stellt die Fragen, die andere an den Charakter stellen könnten, um die Antworten darauf kennenzulernen. Allen Überlegungen zu Charaktergeschichte, -wissen und -fertigkeiten sollte auch immer die Überlegung zu Grunde liegen, wie diese Eigenschaften des Charakters im Live-Rollenspiel dargestellt und verkörpert werden können, damit sie nicht nur ein paar Zeilen auf Papier, sondern lebendiger Teil des Rollenspiels werden.

Anders als im Pen-&-Paper-Rollenspiel ist es im Live-Rollenspiel nicht möglich, ohne weiteres einen beliebigen Charakter vor einem beliebigen Hintergrund zu spielen. Die Spielhintergründe und Spielideen der verschiedenen Live-Rollenspielgruppen unterscheiden sich zum Teil sehr stark, und jede Gruppe möchte ihr Konzept so umgesetzt sehen, wie sie es sich erdacht hat. Deshalb ist es allgemein üblich und notwendig, bevor man einen Charakter auf einem nicht selbst erdachten Hintergrundkonzept spielen möchte, mit der jeweiligen Spielergruppe Kontakt aufzunehmen und die Möglichkeiten abzuklären. Das gewünschte Charakterkonzept muss sich dem Gruppenkonzept unterordnen. Dies ist auch in der Gruppe Marturien nicht anders. Deshalb sollen hier einige Grundlagen für die Umsetzung eines marturischen Charakters erklärt und beschrieben werden. Wer sich entscheidet, einen marturischen Charakter zu spielen, nimmt gerne Kontakt mit dem Marturien e.V. auf.

Im Regelfall sind die erstellten Charaktere Teil der marturischen Spielergruppe „Banner Eisenspitz“, Teil des Gefolges des Barons Grimbold von Eisenspitz, der mit seiner bezaubernden Gattin, der Baronin Melissa, und seinen Getreuen die Lande bereist, Turniere besucht, auf Pilgerfahrt geht, aber auch seinen Bundesgenossen im Kampf zur Seite steht. Grundsätzlich ist aber auch anderes möglich, und es gibt marturische Spieler, die sich außerhalb dieser Spielergruppe bewegen und zum Teil eigene kleinere Spielergruppen gegründet haben. Dies ist möglich, sofern die Charaktere nicht im Widerspruch zur marturischen Spielphilosophie, dem Darstellungsrahmen und der Hintergrundgeschichte stehen. Eine Absprache mit der Marturien-Spielleitung ist jedoch in jedem Fall erforderlich!

Jeder neue Charakter beginnt als Knecht oder Magd. Sie sind Bedienstete eines edlen Herrn oder einer edlen Dame. Von dieser Position aus ist es möglich, den Charakter alle nur denkbaren Laufbahnen nehmen zu lassen, egal ob Kriegsknecht oder Marketenderin, ob Priester oder Heilkundige, Ritter oder Dame – alles ist denkbar – aber selbstverständlich kann man auch Knecht oder Magd bleiben. Grundsätzlich gehen Knechte und Mägde hauptsächlich ihrem zivilen Beruf nach. Es steht jedem Spieler offen, ob sein Charakter adeliger oder gemeiner Herkunft sein soll, egal ob Bauerssohn oder Bürgerstochter, Knecht oder Magd bzw. Edelknecht oder Kammerdame. Das Dienstpersonal hüllt sich in die Livree – die Hoffarbe –, nach Farbe und Schnitt mehr oder weniger uniforme Kleidung. Zum Thema Gewandung und Ausstattung empfiehlt sich die Lektüre des "Live-Rollenspielhandbuchs Marturien".

So wie der Charakter das Produkt seiner Geschichte ist, so sind auch die Kleider des Charakters Ausdruck dieser Geschichte. Im Regelfall führen die Charaktere ein entbehrungsreiches Leben, sie sind selten in der Heimat und ständig auf Reisen. Egal ob auf Pilgerfahrten oder Feldzügen, die Gelegenheiten sich neue Kleider leisten zu können sind äußerst selten und auch von den Kosten für Knechte und Mägde meist unerschwinglich. So sind die Kleider gezeichnet von den Spuren ihres jahrelangen, täglichen Gebrauchs: sind abgewetzt, fleckig und ausgeblichen haben ausgefranste Kanten, Löcher und Risse, sind gestopft und geflickt.