Die Form unserer Darstellung soll das europäische Spätmittelalter wiederbeleben. Zur genaueren Einordnung orientieren wir uns am Gebiet des Heiligen Römischen Reiches in der Zeit um 1450. Um uns die Zeit zu vergegenwärtigen, führen wir diverse Recherchen. Indem wir populärwissenschaftliche und wissenschaftsjournalistische Zeitschriften und Dokumentationen betrachten, möchten wir mehr darüber erfahren, was als eine Art gesellschaftliches Allgemeinwissen über das spätmittelalterliche Kaiserreich gelten kann. Mithilfe der Literaturrecherche geschichtswissenschaftlicher Texte möchten wir aber auch versuchen, abseits dieses Allgemeinwissens die Expertendebatten der Forschung in unsere Darstellung einfließen zu lassen. Auch der Besuch von Ausstellungen kunsthistorischer Gegenstände und Museen, wird von uns genutzt, um mehr über diese noch existenten Zeugen der Geschichte zu erfahren. Beim Verrichten experimentalarchäologischen Arbeiten versuchen wir in einem sinnvollen und umsetzbaren Rahmen Wissen und Technik des Spätmittelalters nachzuvollziehen und uns zu erarbeiten. Vor allem aber steht das Erleben im Vordergrund, nicht zuletzt, indem wir als Verein zusammenkommen und sowohl gemeinsam die Recherchearbeit vorantreiben als auch versuchen, durch Laienschauspiel in die Zeit des späten Mittelalters einzutauchen.

Uns liegt also die Recherchearbeit sehr am Herzen. Jedoch sind wir uns auch bewusst, dass man, um eine Darstellung überhaupt erst zu ermöglichen, auch Abstriche machen muss. Dies drückt sich darin aus, dass man nicht alle zur Darstellung benötigten Gegenstände nach historisch korrekter Vorlage und Arbeitsmethode herstellen kann. Diesem Umstand liegen mehrere Faktoren zu Grunde. Zum einen kann das Spätmittelalter nicht einfach betreten werden. Es ist nicht möglich, einfach in das bischöfliche Mainz von 1450 zu reisen. Die Darstellungsgrundlage bezieht sich auf vorhandenes Quellenmaterial, wobei nicht zu allen Aspekten des Lebens Quellen bis in die heutige Zeit überliefert oder uns zum aktuellen Recherchestand bekannt sind. Zum anderen ist es vom zeitlichen, arbeitsmäßigen als auch finanziellen Aufwand nicht möglich, alle Gegenstände zu erzeugen, die im nachgelebten Alltag des Spätmittelalters von Bedeutung sind. So versuchen wir also uns Stück für Stück eine möglichst authentische Darstellung zu erarbeiten, sind uns jedoch der Abstriche, die wir ziehen, bewusst.

Darüber hinaus stellt sich die Frage: Welche Rollen nimmt man im Laienschauspiel ein? Stellt man historische Ereignisse nach und nimmt die Rolle historischer Persönlichkeiten an? Oder vertritt man eine bestimmte Region, Profession, Organisation oder Religion? Wir begreifen unseren Verein als nicht politisch und nicht religiös. Eine Darstellung, die jedoch versucht historische Vorbilder und Ereignisse detailgetreu wiederzugeben, wird zwangsläufig in der Darstellung politische und religiöse Meinungen vertreten. Darüber hinaus ist es schwierig, Alltag, Sprache, Bildung und Lebensformen in einem historischen Kontext wertfrei darzustellen. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, für unsere Darstellung im Laienschauspiel eine fiktive Spielwelt nach dem Vorbild des Heiligen Römischen Reiches in der Zeit um das Jahr 1450 zu erschaffen. Dieser Spielwelt haben wir den Namen Marturien gegeben, und wir möchten ihr durch das kreative Schreiben und Beschreiben in Anlehnung an die historische Vorlage ein eigenes Aussehen verleihen und uns so von realer Politik und Religion abgrenzen. Dabei verstehen wir uns in dieser Entscheidung als Europäer des 21. Jahrhunderts, die nicht einem Nationalstaatsgedanken vergangener Jahrhunderte nachhängen, sondern in der gemeinsamen Geschichte die Grundsteine unseres heutigen Europas sehen. Darüber hinaus sprechen wir uns in einer Tradition der Aufklärung und ihrer Fortführung bis in die Philosophie der Gegenwart gegen Vorurteile, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus und für religiöse Toleranz, Völkerverständigung und die freiheitlich-demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft aus. Aus diesem Grund haben wir in unserem Darstellungshintergrund die realen Weltreligionen durch eine fiktive Religion ersetzt. Diese Entscheidungen für das Laienschauspiel beruhen neben unseren vorangegangenen Überlegungen auf unseren Recherchen und Gesprächen, die wir mit Wissenschaftlern der Geschichts-, Gesellschafts- und Religionswissenschaften geführt haben.

Unsere Spielwelt setzen wir im Rahmen von LARP-Veranstaltungen um. Das heißt wir wählen Veranstaltungen, die unserem Rahmen des historisch orientierten Spiels entgegenkommen, oder organisieren eigene Veranstaltungen. So ist es uns möglich, in einem geschlossenen Ambiente unser Laienschauspiel auszuleben. Darüber hinaus ist es im Live-Rollenspiel möglich, Aspekte wie den Aberglauben an die Existenz von Dämonen und Hexerei oder an die Schutzwirkung von Talismanen, Visionen und Erscheinungen von Heiligen durch Theater- und Bühneneffekte umzusetzen und Elemente aus mittelalterlichen Mythen, Sagen und Legenden darzustellen. Erzählungen mittelalterlicher Sagen und Märchen finden sich u.a. in Ackermann (2009 und 2012). Außerdem ist das Live-Rollenspiel durch seine besonderen Sicherheitsrichtlinien geeignet: Die Darstellung kämpferischer Auseinandersetzungen wird mit Polsterwaffen unter strikten Spielregeln ausgeübt. Ferner nehmen an den Gefechten im Live-Rollenspiel keine Tiere wie bspw. Pferde teil. So ist es möglich, auch ohne besondere Schutzausrüstung und Unterweisungen an allen Aspekten der Veranstaltungen teilzunehmen.

Im Folgenden wird ein kleiner Teil der aktuellen marturischen Geschichte dargelegt. Es handelt sich dabei, wie erwähnt, um eine fiktive Darstellung der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die historischen Fakten, die der Erzählung zu Grunde liegen, basieren auf Proske (Hrsg. 2002). Zur weiteren Recherche empfehlen wir Meuthen und Märtl (2012), Goez (2009), Schneidmüller (2006), Sarnowsky (2007), Boockmann (1999) und die darin zitierte Literatur.
 

666 Jahre sind nunmehr vergangen, seit König Karel der Große im Jahr 0 von Pentarch Lio III. in Ramur zum Kaiser Marturiens gekrönt wurde. Wir schreiben also das Jahr 666 nach der Zeit der Kaiser. Kaiser Fridurick III. aus dem Hause Habichsberg, Herzog von Stiersburg, Steinen und Carn, Erzherzog von Ostmark und martischer König, regiert seit 26 Jahren im Martenland und wurde vor 14 Jahren von Pentarch Nikelaos V. zum Kaiser von Marturien gekrönt.

Mein Name ist Hans Horatio Helmholtz, seit fünf Jahren befinde ich mich nun als Kanzler und Buchdrucker im Dienst des Baron Grimbold von Eisenspitz. Im Jahr 658 trat ich bereits als Skriptor in die Dienste des Rí of Wathermeadow und wurde Vizekanzler. Nun leite ich die Druckerei und genieße das Knarren des Holzes der Druckpresse und den Duft der Tinte, wie sie auf dem geschöpften Papier trocknet. Eine kleine Papiermühle, die wegen des Gestanks und Lärms außerhalb der Stadtmauern liegt, untersteht ebenfalls meiner Leitung. So verbringe ich meine Zeit mit dem Druck und Verlag theologischer und philosophischer Schriften, aber auch verschiedener Chroniken. So will ich euch an dieser Stelle von einigen Neuigkeiten aus Marturien und nachfolgend einiges über die Geschichte des Kaiserreichs, den Glauben und das Aufblühen der Städte berichten.

Es ist endlich wieder Sommer und an den strengen Winter des vergangenen Jahres, in dem sogar die Klarwasserseen komplett zugefroren waren, mag sich niemand mehr erinnern. Auch die schwere Seuche der Pestilenz, die vor mehr als einhundert Jahren in Marturien wütete, nimmt wieder weniger Raum in den Erzählungen und Geschichten ein, auch wenn die Seuche hier und da immer wieder ausbricht. Das Korn reift auf den Feldern und es schnappen die Hechte in den Strömen und Flüssen. Die Brauerei Bergesgrüner erhält vom Titularerzherzog Winmund von Ostmark das beurkundete Wirtsrecht zum Backen, Sieden und Metzlereien. Die Städte wachsen und die Bürger gehen emsig ihrem Handwerk nach. In Zwingburg nimmt die durch den Pentarchen Paol II. gegründete Universität ihren Betrieb auf. Im Jahre 640 hatte Jonnis Gansflesch in Martburg den Buchdruck mit beweglichen Letter erfunden und im Jahr 655 den Kanon – das Buch der Glaubenslehre – in ramurischer Sprache gedruckt. In Straßenburg wurde dieses Jahr von Jonnis Manteler der erste gedruckte Kanon in martischer Sprache herausgegeben. Ein Unterfangen, dem sich die Druckerei in Eisenspitz ebenfalls annehmen wird.

Im Reich ist es weitestgehend friedlich – wenn man von den üblichen Fehden der geistlichen und weltlichen Herrscher des Landes absieht.

In Martland billigt Kaiser Fridurick III. den Frieden von Spaltheim, in dem die Martburger Stiftsfehde beigelegt wurde.

Die Stadt Mühlenhausen schließt auf 25 Jahre ein Schutzbündnis mit der Silberbirgstättischen Eidgenossenschaft.

Der Herzog von Silberstadt Gill Rüsteisen verstarb im Frühjahr; ihm folgte sein Sohn Kandidus Rüsteisen als Herzog von Silberstadt auf den Thron.

Im Osten Marturiens finden in Toren, unter Vermittlung des Legaten des Pentarchen Ruodwolf von Barschheim, intensive Verhandlungen um den beendeten Erdländischen Städtekrieg statt, der 654 begonnenen wurde. Der König von Ormond Kosmir IV. fordert weitläufige Gebietsabtretungen vom Hochmeister des Marturischen Ordens Lutwich von Sattelshausen. Der Orden musste bereits 610 im ersten Frieden von Toren Gebiete abtreten und erhebliche Zahlungen leisten. Der Pentarch Paol II. weist bereits jetzt, trotz seiner geschwächten Position, diese Forderungen zurück. Diese erneute Niederlage des Marturischen Ordens im Erdland wird meiner Ansicht nach die Position des Ordens nachhaltig schwächen und die Macht und den Einfluss des Ordens auf die Geschicke des Reichs dauerhaft beschneiden.

Auf Burg Grasberg in Estaroth entstand auf Initiative von Zeno von Fünfspitz die „Grasberger Allianz“ gegen König Jorges von Estaroth. Jorges wurde der Irrlehre bezichtigt, da er sich von der Penklesie lossagen wollte. Die Allianz wird durch den Pentarchen unterstützt, der den König zum Irrlehrigen erklärte und vor das Tribunal der Ermittlerschaft vorgeladen hat. Die Allianz versucht bislang erfolglos, König Kosmir IV. von Ormond für die Estarother Königskrone zu gewinnen. Es ist eine interessante Frage, wie sich die Position des Königs von Ormond bezüglich des Konfliktes im Erdland ändern würde, falls dieser zu einem marturischen Kurfürst ernannt würde.

Im Jahr 665 hat Herzog Phillick III. von Burgen, die Regierung an seinen Sohn Karel den Tapferen übergeben. Das Haus Burgen-Ihstal hat Besitzungen sowohl im Marturischen Kaiserreich als auch im Königreich Kanden. Herzog Karel führt ein Bündnis kandischer Adeliger unter dem Namen „Liga des Gemeinwohls“ gegen König Lutwich XI. von Kanden. Die Liga wirft dem König eine unordentliche und jämmerliche Regierung vor und will dessen Bruder Karel von Ihstal auf den Thron setzen. In einem Manifest wurde der König zum Abdanken aufgerufen. Dieser verkündete ein Gegenmanifest und rief den Herzog von Silberstadt zur Hilfe. So sind nun offene Feindseligkeiten ausgebrochen und die Armeen marschieren durch Kanden. Herzog Karel führt seine Truppen gegen Wettsich, die Residenz Königs Lutwichs. Der Herzog von Burgen ist keiner der Kurfürsten, aber Gefolgsmann des Marten-Königs und des Königs von Kanden.

Die Streitigkeiten in Hatten zwischen den Brüdern Landgraf Odo II. und Landgraf Lutwich II. um den Grenzverlauf der Grafschaften Niederhatten mit Sitz in Niederbau und Oberhatten mit Sitz in Marthildshöh ruhen im Augenblick. Lutwich I. Landgraf von Hatten verstarb 658 ohne verbindliche Erbfolgeregelung, wies seine Söhne jedoch an ihr Erbe brüderlich zu teilen. Die Brüder einigten sich 660 über die Territorien, die Details der genauen Grenzziehung und verschiedener Hoheitsrechte wurden jedoch erste 664 abschließend geklärt.